Das DIN A4 Portemonnaie oder Die Usability von Kontoauszügen

Manchmal fallen (aus Sicht der Usability) bewährte Lösungen auf einen ungünstigeren Stand zurück.

Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Kontoauszug: Traditionell sind Kontoauszüge in 1/3 DIN A4. Nunja, war schon immer so, aber das ist ja eigentlich nur eine Formsache. Manchmal fragte man sich vielleicht, warum das wohl schon immer (seit es Kontoauszugdrucker gibt) so war.

Jetzt hat die Deutsche Bank ihre Automaten umgerüstet, so dass diese Kontoauszüge in DIN A4 statt wie bisher ausgedruckt werden. Und da werden auch gleich eine Reihe von Vorteilen genannt:
  • Zur verbesserten Übersicht sind alle Buchungen optisch durch einen Strich voneinander getrennt.
  • Jede Buchung ist zur leichteren Unterscheidung mit dem jeweiligen Vorzeichen „+“oder „-“ gekennzeichnet.
  • Alle relevanten Kontodaten werden in einer Zeile gebündelt.
  • Zusätzliche Informationen wie z.B. die Kontaktdaten Ihres Investment & FinanzCenters, die telefonischen Zugangswege oder das Dispo-Limit Ihres persönlichen Kontos sind auf jedem Kontoauszug aufgeführt.
  • Das praktische DIN-A4-Format erleichtert das Archivieren Ihrer Kontoauszüge bei Ihren Bankunterlagen.
Toll! Obwohl man sich fragen kann, warum die bisher zum Teil auf der Rückseite fest aufgedruckten Hinweise da nicht ausreichten bzw. warum man für ein +-Zeichen gleich das Format verdreifachen müsste.

Da das Format nur länger aber nicht breiter wurde, verwundert es auch, dass man nun mehr Sachen in eine Zeile bekommt.

Aber nun gut, man will ja auch nicht als Rückwärtsgewandter Nörgler und Fortschrittsablehner da stehen. Und es stimmt ja auch, dass DIN A4 im Aktenordner schöner aussieht und weniger Tiefe verbraucht als 3x 1/3 DIN A4. Logisch.

Wäre da nicht eine winzige Kleinigkeit: Haben sich die Strategen bei der Deutschen Bank wirklich mal das Szenario "Kontoauszug abholen" überlegt?

Wie viele Menschen kommen mit einem A4 Ordner oder Mappe zur Bank, um Geld und Kontoauszüge zu holen?

Während die konventionellen Kontoauszüge zufällig (?) die Größe (Höhe) der Geldscheine hatten, die man ohnehin am Automaten gerade holte und so brav ins Portmonnaie (neu = Portmonee) passten, muss man jetzt irgendwie A4 Papier in der Jacke, in der Hemd- oder Hosentasche oder sonstwo unterbringen.

Hmmm...
  • Effektivität: - Jetzt nur noch gefaltete Kontoauszüge, die gerne bei Regen (ja den gibt es noch) schön nass werden
  • Effizienz: - Falten, Mappen mitbringen, vorsichtig vor sich hertragen... Irgendwie aufwändiger als einfach wegstecken
  • Zufriedenheit: - Jetzt werden auch noch einfache Dinge unnötig kompliziert und irgendwie mag man anhand der doch recht wenig zwingenden Vorteile auch nicht recht glauben, dass da das Kundeninteresse im Vordergrund stand.
Also, liebe Deutsche Bank, bitte nochmal kurz nachdenken.

Kommentare

Mitch hat gesagt…
Moinsen aus dem Süden,

ohne in die Design-Überlegungen involviert gewesen zu sein (ich bin nicht einmal Deutsche Bank-Kunde und gehe somit von ganz wackeligen Voraussetzungen aus): Ich könnte mir vorstellen, dass der Wechsel von 1/3 A4 auf 1/1 A4 damit zusammen hängt, dass man die Kontoauszüge in einem einheitlichen Format online und offline abzuholen anbieten möchte. D.h.: wer mag, kann natürlich immer noch zum Kontoauszugsdrucker gehen und sich dort Papier abholen; alle anderen können sich aber die Kontoauszüge per eBanking als PDF herunterladen und zuhause auf A4 ausdrucken, und alles ist in einem Format. Auch das Lesen der Informationen in einem A4-PDF ist praktischer, weil man mehr Information auf eine Seite bekommt und weniger blättern / scrollen muss. Das gleiche gilt dafür, dass die Kontaktinformationen nun Teil des Auszugs sind (und nicht nur auf die Rückseite des Deutsche Bank-Papiers gedruckt werden).

Darüber hinaus dürfte ein Grund darin liegen, dass A4-Papier günstiger im Einkauf sein dürfte als speziell perforiertes 1/3 A4-Papier ... und so vielleicht über kurz oder lang sogar auf das Ausdrucken der Auszüge verzichtet wird und stattdessen lieber PDFs archiviert werden. Und noch ein weiteres Kostenargument könnte darin liegen, dass die Bank keine speziellen 1/3 A4-Hefter mehr anbieten muss (meine Sparkasse hatte diese immer), sondern davon ausgehen kann, dass die Kunden A4-Ordner zuhause haben.

Wenn es keinen deutlichen Kostenvorteil gäbe, würden sie es nicht umstellen :-) Dafür sind die Wechsel- und Umrüstkosten viel zu hoch.


Viele Grüße aus Zürich

Mitch

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